Keime der Hoffnung

„Und in mir der unbesiegbare Sommer“ (Original: Between Shades of Gray), Ruta Sepetys, 2011.

Zeichne, male, bittet Kostas Vilkas seine Tochter durch ein Loch in einem Viehwaggon. Nur so könne er sie, Lina, ihren Bruder Jonas und ihre Mutter Elena finden. Ihre Kunst sei so einzigartig wie Munchs. Und Lina zeichnet – im Sand, im Staub, auf Rinde, auf Papier. Einfach alles, was ihr in die Hände kommt, dient ihr als Leinwand. Sie zeichnet unter Lebensgefahr geheime Botschaften, die von Hand zu Hand weitergereicht werden, in der Hoffnung den Weg zu ihrem Vater zu finden. Sie zeichnet für zusätzliche Essenrationen. Ihre Kunst ist ihre Zuflucht, ihre Ventil – während um sie herum Schrecken und Grausamkeit, Not und Verzweiflung herrschen. Ruta Sepetys „Und in mir der unbesiegbare Sommer“ lebt von starken Bildern, starken Emotionen. Sie gibt den Tausenden Balten, die nach der Anektierung ihrer Heimat durch Stalins Sowjetunion nach Sibirien deportiert wurden, eine Stimme. Die Stimme eines bewunderswerten, starken Mädchens.

Kaunas, Litauen, Sommer 1941, mitten in der Nacht: 20 Minuten haben die 15-jährige Lina, ihr kleiner Bruder und ihre Mutter Zeit das Notwendigste für eine ungewisse Zukunft zu packen. „Davai“ rufen die sowjetischen Geheimpolizisten immer wieder. Schneller. Das letzte Familienfoto mit der Großmutter, Mal- und Schreibutensilien, Kleidung – alles landet in Linas Koffer. Erst im Truck, in dem bereits andere warten, bemerkt sie: sie trägt noch ihr Nachthemd. Sie werden zum Bahnhof gebracht, zu Hunderten in Viehwaggons gesteckt. Aber wo ist ihr Vater? Lina macht sich auf die gefährliche Suche, findet ihn. Und sieht ihn zum letzten Mal. Wenig später werden Alte, Frauen und Kinder über Tage nach Altai, Siberien deportiert. Die Männer an andere Orte.

Hunger, Kälte, Krankheit, der Tod und unendliche Grausamkeiten zeichnen die Deportation. Harte Arbeit unter gnadenlosen Bedingungen erwartet die Deportierten zusätzlich im Arbeitslager in Altai. Aber sie verlieren nicht die Hoffnung, nur beinahe ihren Stolz. Sogar für die Liebe ist Raum. Alles hält Lina mit ihrer Kunst fest. Ein Jahr verbringt Familie Vilkas hier, bevor sie in die Unwirtlichkeit der Arktis transportiert werden.

Mit einer unglaublichen Kraft bannt Sepetys Erzählung den Leser, trifft ihn emotional, wühlt ihn auf. Ihre gefühlvolle, poetische Sprache, der Blick durch Linas Augen, die detailierten Beschreibungen sind Sepetys Mittel. Ruta Sepety, Tochter litauischer Flüchtlinge, zeigt, dass auch in den allerschlimmsten Zeiten, Hoffnung ist. Und sie hat den beinahe vergessenen Opfern Stalins Säuberungsaktion ein unvergessliches literarisches Denkmal gesetzt.

Fazit: Pflichtlektüre.

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