Back to Brooklyn

„Brooklyn“ (Original: Brooklyn), Colm Tóibín, 2010.

Schlicht, schnörkellos und doch betörend erzählt Colm Tóibín in „Brooklyn“ die Geschichte der jungen Irin Eilis Lacey, die in den 1950er Jahren ihrer Heimat den Rücken kehrt und in Brooklyn ein neues Leben beginnt. Es ist ein starkes Porträt einer Frau, die hin- und hergerissen ist zwischen den Verpflichtungen ihrer Familie gegenüber und dem eigenen, unabhängigen Lebensweg.

In Enniscorthy, Tóibíns Geburtsort, sind die beruflichen Möglichkeiten in den 1950er ebenso rar gesät, wie im restlichen Irland. Die arbeitslose Eilis lebt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Rose – Buchhalterin und passionierte Golferin – in ihrem Elternhaus. Der Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, die drei Brüder sind vor der Arbeitslosigkeit nach England geflohen und den einzigen Job, den Eilis angeboten bekommt, ist sonntags im Laden von Mrs. Kelly auszuhelfen – und das trotz ihrer Ausbildung. Ein Zustand, den Rose nicht hinnehmen kann und daher Eilis‘ Auswanderung nach Amerika arrangiert ohne sie zu fragen. Pflichtbewusst, wie Eilis ist, emigriert sie.

In Brooklyn angekommen, wird Eilis in die irische Gemeinde von Pater Flood aufgenommen, lebt in Mrs. Kehoes Pension mit anderen ausgewanderten Irinnen, arbeitet als Verkäuferin in Bartoccis Kaufhaus – und leidet fürchterlich unter Heimweh. Nur langsam freundet sie sich mit ihrer neuen Lebenssituation an, bildet sich am Abendcollege in Buchhaltung etc. weiter und verliebt sich schließlich in den Italiener Tony. Alles scheint perfekt, bis das Schicksal zuschlägt und sie zurück nach Irland ruft. Kaum in Irland angekommen, muss sich Eilis entscheiden zwischen ihrem neuen Leben und ihrer Liebe in Brooklyn und den Pflichten gegenüber ihrer Familie in Irland.

Der Leser blickt in Eilis Seelenlage, hört ihre Zweifel und begleitet sie in ihren Anstrengungen ihren Weg zu finden und zu gehen – mit all den Irrungen und Wirrungen, die zum Leben dazugehören und uns manchmal ganz leise und unerwartet von unserem Weg abbringen. Aber Colm Tóibíns „Brooklyn“ ist nicht nur ein Roman des Erwachsenwerdens, des Entscheidens, sondern auch eine Gesellschaftsstudie. Einfach und doch atmosphärisch dicht beschreibt er das Brooklyn der 1950er, die irische und italienische Gemeinde. Er verschönt nichts und gerade deshalb bleibt das Bild dem Leser noch lange im Gedächtnis.

Fazit: Es wurde zurecht vielfach zum Buch des Jahres gewählt. Tóibín ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler.

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