Vergessen ist nicht gleich vergessen

„Wie ich mich einmal in alles verliebte“ (Original: The Story of Forgetting), Stefan Merril Block, 2010.

Der Buchtitel führt schon – ganz im Gegensatz zu Original – in eine andere Richtung. Aber was bitte soll dieser Klappentext? „Abel ist verliebt – in Mae, die Frau seines Bruders. Als Mae eines Tages spurlos verschwindet, zerbricht Abels Welt. Die Jahre vergehen. Sein Bruder stirbt. Die Farm verfällt. Aber Abel gibt nicht auf. Er wird warten, bis Mae zurückkommt. Doch als es eines Tages endlich an seiner Tür klopft, steht dort nicht Mae, sondern ein Fremder …“ Irreführender kann ein Buch nicht beschrieben werden. Gut, eine Liebesgeschichte gibt es in Stefan Merril Blocks Erstling durchaus, aber vordergründig ist es eine Erzählung über eine erbliche, sehr früh einsetzende Form von Alzheimer – und wie ein 15-Jähriger, dessen Mutter daran erkrankt, sowie ein uriger alter Kauz mit der Krankheit umgehen.

Teenager Seth Waller – aknegeplagt und Master of Nothingness – weiß so gut wie nichts über die Vergangenheit seiner Mutter. Als diese mit Mitte 30 immer mehr den Verstand zu verlieren scheint und schließlich die Diagnose Alzheimer erhält, setzt sich Seth in den Kopf Neurologe zu werden. Sein erstes Untersuchungsfeld: die genetische Geschichte seiner Familie. Eine schier unlösbare Aufgabe angesichts der wenigen Informationen. Lediglich eine unauffindbare Stadt namens Bethesda, Texas und die Geschichten des fiktiven Isidora geben ihm Anhaltspunkte.

Abel Haggard ist der zweite Ich-Erzähler in Blocks Geschichte des Vergessens. Als Einsiedler lebt er seit Jahren auf der langsam zerfallenden Farm seiner Familie. Vor etlichen Jahren verliebte er sich – und hier hat der Klappentext durchaus recht – in Mae, die Frau seines Bruders Paul. Die beiden haben eine folgenreiche Affäre während Paul seinen Wehrdienst ableistet. Allerdings nur Mae und Abel wissen, dass Jamie nicht Pauls Tochter ist. Nach Jahren erkrankt Paul an dem Fluch der Haggards: Wie Generationen vor ihm verliert er sein Gedächtnis und wird wieder zum hilflosen Kleinkind. Doch bevor die Krankheit ihm endgültig das Leben nimmt, kommen Paul und Mae bei einem Autounfall ums Leben. Spurlos verschwindet hingegen Abels Tochter (!), auf die er seitdem wartet.

Jeder für sich erzählt seine Geschichte – teils sehr nüchtern, wissenschaftlich, teils sehr emotional, teils sich einer gewissen Situationskomik nicht verwehrend. Dazwischen immer wieder Geschichten des fabelhaften Isidoras, in dem die Menschen keine Erinnerung haben sowie die genetische Geschichte der fiktiven Alzheimer-Form EOA-23. Schnell wird klar das Seth und Abel mehr verbindet, trotzdem schafft Stefan Merril Block es durch Cliffhanger, das man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Blocks Werk ist aber nicht nur die tragische Geschichte einer Familie, sondern auch eine Abhandlung über das Vergessen und den Stellenwert von Erinnerung in unserer Gesellschaft. Auf informative Weise erfährt der Leser auch etwas mehr über Alzheimer, verschiedene Formen der Krankheit und wie Betroffene und Angehörige mit der Diagnose umgehen.

Fazit: hat gefallen.

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