Ehrfurcht gebietende Symmetrie

„Die Zwillinge von Highgate“ (Original: Her Fearful Symmetry), Audrey Niffenegger, 2009

Verstörend, verzaubernd, streckenweise ein wenig langatmig, kurz darauf wieder mitreißend – Audrey Niffeneggers zweiter Roman „Die Zwillinge von Highgate“ ruft gegensätzliche Gefühle im Leser hervor. Einfühlsam und unaufgeregt beschreibt Niffenegger das Leben und die Beziehungen der einzelnen Figuren zueinander – die über den Tod hinaus geht.

Im Zentrum stehen die Zwillinge Elspeth und Edie, sowie Edies Zwillingsmädchen Julia und Valentina. Mit Elspeth Tod, währenddessen sich ihre große Liebe Robert gerade einen Tee am Krankenhausautomaten holt, beginnt eine unheilvolle Geschichte. Julia und Valentina, die bis dato nichts von ihrer Tante Elspeth wussten, erben ihre Wohnung neben dem berühmten Londoner Highgate Cemetry sowie ihr gesamtes Vermögen. Einzige Bedingung: Sie müssen ein Jahr in der Wohnung leben, bevor sie sie verkaufen, und ihre Eltern Edie und Jack dürfen die Wohnung niemals betreten. Man ahnt es bereits, zwischen Edie und Elspeth ist etwas Unaussprechliches vorgefallen, aber nur langsam kommt der Leser hinter das Geheimnis – ganz im Gegensatz zu den Zwillingen.

Mit der Wohnung erben Julia, die Dominante, die sich immer um ihre kränkliche Schwester kümmern will, und Valentina, die sich von Julia erdrückt fühlt, aber sich ihr nicht entziehen kann, auch Elspeths Nachbarn: Robert, Elspeth jüngerer Geliebter, der eine Dissertation über Highgate verfasst und in seiner Trauer ertrinkt, und Martin, ein unter zahlreichen Zwängen leidender Kreuzworträtsel-Schreiber, der seit Monaten nicht mehr das Haus verlassen hat, obwohl er sich nichts sehnlicher wünscht als seine Frau Marijke zurück zu gewinnen. Ach, und dann wäre da noch Elspeths Geist, der ihre Wohnung nicht verlassen kann (oder sich weigert?) und mehr als zu Lebzeiten die Geschicke ihrer Mitmenschen zu lenken weiß. Denn Elspeth kann nicht nur Lampen zum Leuchten bringen, sondern auch Seelen von ihren Körpern trennen…

Stehen eigentlich die beiden Zwillingspärchen und Robert im Mittelpunkt der Geschichte, so sind es vor allem die kleinen Handlungen am Rande, die Niffeneggers Roman so lesenswert machen – trotz seiner Längen: Jessica und ihr Mann James, die auch im hohen Alter nach wie vor glücklich miteinander sind und sich gemeinsam für die Konservierung des viktorianischen Friedhofs einsetzen, Martins und Marijkes Kampf gegen seine Zwänge. Und genau diese Charaktere sind es, die einem sympathisch werden, während die Hauptfiguren über die Lektüre hinweg an Sympathien verlieren, man sich manchmal geradezu windet ob ihrer Entscheidungen. Gut, dass es kein Happy End gibt – oder zumindest keines im herkömmlichen Sinn.

Fazit: Anders als „Die Frau des Zeitreisenden“, aber ebenso lesenswert.

Und wer nach mehr über Highgate Cemetry wissen möchte: www.highgate-cemetery.org

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