Julys Geschichte

„Das lange Lied eines Lebens“ (Original: The Long Song), Andrea Levy, 2011

Die Silhouette eines Frauengesichtes vor einem karibisch-blauen Hintergrund, Ketten, an denen sich exotische Blumen ranken und ein Kolibri labt. Aber das Bild hat Risse, aus denen Blut tropft. Schon das Cover des neuesten Romans Andrea Levys macht neugierig. Neugierig auf eine Geschichte, die mehr ist als nur die Darstellung der Sklaverei im Jamaika des 19. Jahrhunderts. Es ist „Das lange Lied eines Lebens“, das Leben der ehemaligen Haussklavin July. Eine Lektüre, die sich in vielerlei Hinsicht lohnt.

Im hohen Alter drängt es July Ende des 19. Jahrhunderts ihrem Sohn Thomas die Geschichte ihres Lebens zu erzählen. Aber er hat einfach keine Zeit, seiner Mutter zuzuhören. So schlägt er ihr vor, sie solle ihre Geschichte aufschreiben. Er, ein bekannter Buchverleger, würde diese dann drucken und könnte das Büchlein somit immer wieder durchlesen. Und so beginnt July nach anfanglichem Zögern mit dem langen Lied ihres Lebens – in der dritten Person. Aber so ganz hält die betagte July es nicht aus und wendet sich regelmäßig direkt an ihre Leser, um ihnen einiges zu erklären, vor allem im Bezug auf die nicht einfache Mutter-Sohn-Beziehung.

July ist das Kind einer Vergewaltigung. Ihre Mutter Kitty, eine Feldsklavin, wurde während der Arbeit von dem weißen Aufseher Tom Dewar vergewaltigt. Trotz der Umstände ihrer Zeugung liebt Kitty ihre July und zerbricht beinahe, als die Schwester des Plantagenbesitzers John Howarth, Caroline Mortimer, ihr July wegnimmt. Fortan lebt July, von ihrer dümmlichen Missus nur Marguerite genannt, als Haussklavin im Herrenhaus. Mit viel Humor und in einfacher Sprache berichtet July von den kleinen Rebellionen der Sklaven gegen ihre Besitzer – die diese natürlich nicht erkennen, sondern als Dummheit abtun. Aber auch die blutigen Aufstände zum Ende der Sklaverei in den 1830er Jahren, die endgültige Aufhebung des unmenschlichen Systems bei gleichzeitigem Fortbestehen der ideologischen Grundlagen finden in Julys Erzählungen Eingang.

Andrea Levy, in London aufgewachsene Tochter jamaikanischer Einwanderer, hat eine einzigartige Frau geschaffen, der man gerne zuhört. Sie hat July das Fabulieren gestattet, ihr ermöglicht sich manchmal hinter ihren Ausschmückung und hinter ihrem Humor zu verstecken. Und doch oder genau deswegen wird zwischen den Zeilen das unsagbare Leid der Unterdrückung deutlich. Trotz all der Geschehnisse – immerhin muss sie mir ansehen, wie ihr Geliebter getötet, ihre Mutter gehängt wird – ist July eine lebensbejahende Frau.

Wie auch schon Levys preisgekrönter Roman „Eine englische Art von Glück“ ist „Das lange Lied eines Lebens“ ein Tribut an ihre Vorfahren. Nur konnte sie diesmal nicht auf Beispiele aus der Verwandschaft zurückgreifen. Levy hat sich ihre eigene Geschichte gestrickt – ohne das es konstruiert wirkt. Authentisch, sprachlich der Zeit und den Umständen angepasst porträtiert sie einen Menschen, der in einer uns kaum vorstellbaren Gesellschaft lebt und doch mit uns vertrauten Gefühlen sein Leben meistert.

Fazit: Wer es nicht liest, verpasst etwas.

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2 Gedanken zu „Julys Geschichte

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