Eine Fahrkarte für die Zeitreise, bitte!

„Die Landkarte der Zeit“ (Original: El mapa del tiempo), Félix J. Palma, 2010

Andrew Harrington kann den gewaltsamen Tod seiner Geliebten Marie Kelly, ein Opfer Jack the Rippers, auch acht Jahre später nicht verkraften. An ihrem Todestag will der Sohn aus gutem Hause sich in dem schäbigen Kämmerlein Maries in Whitechapel das Leben nehmen. Doch Cousin Charles rettet ihn mit einer wahnwitzigen Idee. Andrew solle in die Vergangenheit reisen und Maries Tod verhindern. Schließlich sind seit kurzem im viktorianischen London Zeitreisen en vogue. Zwar nur zum 20. Mai 2000, aber das mit der Vergangenheit ist mit ausreichenden finanziellen Mitteln sicherlich auch zu schaffen…

In drei miteinander verwobenen Teilen zeigt Palma, wie Andrew versucht die Vergangenheit zu verändern, eine junge Frau, Claire Haggerty, sich in einen Mann aus der Zukunft verliebt, der ihr in die Gegenwart folgt, und ein ganz besonderer Bibliothekar die Welt H.G. Wells, der im Leben der einzelnen handelnden Personen eine entscheidende Rolle spielen wird, gehörig durcheinander bringt.  Schnell wird Wells zum eigentlichen Protagonisten dieses Werkes, wie es der allwissende Erzähler bei der ersten Begegnung des Lesers mit dem Autor bereits andeutet: „Aber von den zahlreichen Gestalten, die im Aquarium dieser Geschichte herumschwimmen, ist Wells zu seinem Leidwesen vermutlich derjenige, der die meisten Runden durchs Becken dreht.“

Wunderschön geschrieben, dem sprachlichen Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts angepasst, ist Palma eine fesselnde Geschichte über das Zeitreisen gelungen. Mit der Wahl seines allwissenden Erzählers, der mal mehr, mal weniger seines Wissens erkennen lässt und scheinbar nutzlose Details einfließen lässt, die zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffen werden, hat der spanische Autor eine passende Erzählform für sein Werk gefunden. Gut, manche Details und Erzählstränge könnten vielleicht kürzer gefasst werden, aber langweilig ist die Lektüre nie.

Sieht man einmal davon ab, dass einem Teile der Geschichte ein wenig bekannt vorkommen (Claires Geschichte erinnert beispielsweise an „Die Frau des Zeitreisenden“, sie trägt sogar deren Name), ist Félix Palma eine lesenswerte, phantasievolle Hommage an einen der Väter des Science Fiction, H.G. Wells, gelungen. Die Parallelen zu anderen Zeitreise-Geschichten scheinen einfach in dem Thema begründet und sind entschuldbar. Palma hat die bekannten Element  wunderbar neu zusammengesetzt und lässt den Leser dabei sich nie sicher sein, ob es nun Zeitreisen gibt – oder alles nur eine Fiktion in der Fiktion ist.

Fazit: ein wahrer Lesegenuss – wenn man sich von den Parallelen zu anderen Werken lösen kann.

Advertisements

3 Gedanken zu „Eine Fahrkarte für die Zeitreise, bitte!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s