„Schderne gugge“

Ein kalter Herbstabend auf dem Dach des Reichstags

„Ab hier warten Sie circa 30 Minuten.“ Das verheißungsvolle Schild steht gut fünf Meter entfernt. Die Kälte nagt an Füßen, Händen und Ohren, der Wind zieht im Nacken. Der guten Laune der Wartenden vor dem Reichstag schadet es dennoch nicht. Vergnügt hüpfen Italiener, Engländer, Deutsche, Spanier, Franzosen auf der Stelle, reiben die Hände aneinander, um sich ein wenig zu wärmen. Gemeinsames Ziel: den nächsten Punkt auf der touristischen To-do-Liste abstreichen und den Blick über das nächtliche Berlin aus der Reichstagskuppel in 47 Metern Höhe genießen. Oder auch ganz einfach nur „Schderne gugge“, wie Ralf und Janine aus dem schönen Schwabenländle.

„Könnde wärmer soim abr was kann man vom Okdober erwarde?“ Ralf zieht seinen Reißverschluss und Kragen noch etwas höher. Mütze und Schal hat der glatzköpfige Schwabe mit den sympathischen Lachfalten nicht dabei. „Wenigschdens regned’s nedd“, sagt Janine und lacht. Die kleine Frau hat ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wenn sie lacht, bilden sich kleine Grübchen an ihren Wangen und ihre Augen kneifen sich zusammen, so dass sie durch die schwarze schmale Hornbrille kaum noch zu sehen sind. Schnell kommt das lebenslustige Paar mit anderen Wartenden ins Gespräch. Die Kälte, Tourist zu sein und das Warten verbinden. „Die Berliner Currywurst kommt gegen die Bochumer nicht an“, sagt Sebastian aus dem Ruhrpott. „Abr de beschde hir, Konopke odr so, hedd jo gerad geschlosse“, sagt Ralf habe er gehört.

Eine Gruppe Jugendlicher strömt aus dem Gebäude. „Ach, vielleichd gehd’s joo jedzd weider.“ Janine hat ihre Hände tief in der Tasche vergraben, ihre Ohren und Nase sind rot vor Kälte. Plötzlich geht es vorwärts. „Hilfe, sie laufe.“ Die Säulen vor dem Reichstagsgebäude kommen näher, die 30-Minuten-Marke lassen die beiden hinter sich. „Noch zwei Medr dann sind wir windgeschüdzd.“

Vor einer schwarz-rot-goldenen Abspeerkordel ist erst einmal Schluss. Wieder heißt es warten, der Kälte trotzen. „Hallo, wie ist’s?“ Wer sich nicht mit seinem Nebenmann unterhält, nutzt die Zeit, um zu telefonieren. „Des war dr weibliche Pard der Berlinfahrd“, erläutert Ralf. Leichter Protest von der anderen Seite: „Was isch noh der männliche? Fußball?“ Die Blicke der Wartenden sind sehnsüchtig zum Eingang gerichtet, der kurzzeitig Wärme verspricht. Langsam fällt es schwer der Kälte Widerstand zu leisten, die bis ins Mark zieht. Aber ans Aufgeben denkt niemand. „Siasch wie i für die leide?“ „Du Armer“, bedauert Janine ihren Ralf und küsst ihn. „So gehd’s nedd…“, wehrt sich der Schwabe lachend. „Hör auf, es bewegd si was.“

„Die Kuppel ist wegen Reinigungsarbeiten geschlossen. Vom 18. bis 22. Oktober. Dachterrasse und Restaurant geöffnet. Vielen Dank für ihr Verständnis“, heißt es in Deutsch, Englisch und Französisch auf einem kleinen, gelben Zettel am Eingang der gläsernen Schleuse in den Reichstag. Mindestens zweimal im Jahr macht diese Aussage den rund 8.000 Besuchern täglich einen Strich durch die Rechnung. Außerdem schließt die Reichstagskuppel bei Wartungsarbeiten. Enttäuschung macht sich breit bei den frierenden Wartenden. „Was kann die deutsche Politik überhaupt, nicht mal die Kuppel können die hier offen halten“, schimpft einer der Wartenden. „Des kann de Regierung. Und schau wie langsam de sind. De brauche dafür vir Tage. Und jedzd?“, wendet sich Ralf an Janine. „Mir könne obe oin Kaffe drinke“, schlägt sie vor. “ Wär‘ im Bereich des Möglichen“, stimmt er zu.

Nach fast einer Stunde Bibbern und Zittern auf Schwäbisch, Hochdeutsch, Italienisch, Spanisch und Englisch öffnet sich endlich die Glastür zum Security-Check. Die menschlichen Eisklötze strömen in die Eingangshalle. „Jehen se bis janz nach vorne durch“, ertönt eine Berliner Frauenstimme aus dem Nirgendwo. Eine weitere Sicherheitsbeamtin fordert jeden freundlich, aber bestimmt auf die Jacken auszuziehen, die Hosentaschen zu entleeren und die Sachen in einen Korb zu legen. Sie deutet auf Gepäck- und Personen-Scanner, an denen ihre Kollegen stehen. Der Fahrstuhlführer mit Vokuhila und graumeliertem Bart wartet bereits auf die nächste Fuhre. Mit noch nicht ganz geschlossener Jacke geht es in Sekundenschnelle auf die Dachterrasse des Reichstages.

Ein eisiger Wind schlägt Ralf und Janine entgegen. Vor ihnen ragt die erleuchtete, geschlossene Reichstagskuppel in den Nachthimmel über Berlin. „Schick und jedzd? Abr oi Rund muss scho soi“, sagt Ralf. Zitternd geht es schnellen Schrittes zu allen vier Seiten der Terrasse, die fast menschenleer ist. Fotos werden geschossen. „Dr Alex isch hinder uns. Da wo’s blinkd“, zeigt Janine Ralf. „Kleiner Oriendierungsdeschd? Do isch dr Potsdamer Pladz und wo isch unsr Hodel?“, fragt er. Die Kälte wird unerträglich. Zielstrebig geht es wieder Richtung Ausgang. „Na, willsch no oi Schdund Schderne gugge? Nedd, dess i dir doi Wünsche nedd erfülle.“ Janine schüttelt lachend den Kopf. „Na joo, Schderne gugge isch nedd wirklich. Ne.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s